Demokratie in Bildern

Wien 1918/19: Gesellschaftspolitische Umbrüche in fotografischen Dokumenten

Anton Holzer

Forschungsprojekt, gefördert von der Stadt Wien/Kulturabteilung, Laufzeit: 2017-2018

Das Projekt untersucht das Epochenjahr 1918/19 aus foto- und mediengeschichtlicher Perspektive. Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Übergang zur republikanischen Demokratie war von großen gesellschaftlichen Erschütterungen begleitet. Ende 1918 begann eine umfassende Öffnung und Demokratisierung der Berichterstattung in den Medien, die auch Auswirkungen auf die Bildberichterstattung und die Zirkulation von Fotografien hatte. Nach 1918 wurden die Pressefotografen zu selbstverständlichen Begleitern der Parlamentssitzungen. Sie dokumentierten die ersten demokratischen Wahlkämpfe (etwa jenen für die Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919), aber auch die zahlreichen Kundgebungen im öffentlichen Raum (etwa Antikriegstage, Maikundgebungen, Kundgebungen der Kriegsheimkehrer, der Invaliden etc.). Und sie fotografierten die (heute kaum mehr bekannten) heftigen politischen Konfrontation zwischen kommunistischen Anhängern und der Polizei bzw. der Wiener Volkswehr im Frühjahr 1919, die zu zahlreichen Toten und Verletzten führten. Das Projekt untersucht am Beispiel des Mediums Fotografie diese massiven Umschichtungen der visuellen Öffentlichkeit und es zeigt, wie und in welcher Weise der Übergang von der Monarchie zur Republik ein öffentlichkeitswirksamer, in Bildern festgehaltener und inszenierter Prozess war.

Literatur: Anton Holzer: Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19, Darmstadt: Theiss Verlag, 2017

Robert Haas - Fotograf

Anton Holzer

Forschungsprojekt, unterstützt von der Dietrich W. Botstiber Foundation

Beginn: 2013, Abschluss: 2015

Das Forschungsprojekt beschäftigte sich mit dem fotografischen Werk des österreichisch-amerikanischen Fotografen Robert Haas (Wien 1898 – New York 1997).

Jahrzehntelang war über das umfangreiche fotografische Werk von Robert Haas, der in Wien und New York auch auch als Druckkünstler und Grafiker gearbeitet hat, wenig bekannt. Dabei war Haas zu seiner Zeit ein international überaus erfolgreicher und vielseitiger Fotojournalist. Zu seinen Arbeiten gehören berührende Sozial- und Alltagsstudien aus dem Wien der 1930er Jahre ebenso wie Industrie- und Theaterreportagen (u.a. von den Salzburger Festspielen), Porträts (u.a. von Albert Einstein, Arturo Toscanini oder Oskar Kokoschka), Werbe- und Sachaufnahmen sowie faszinierende Alltags-, Stadt- und Reisebilder, die in den 1930er Jahren in Österreich und in den 1940er und 50er Jahren in den USA entstanden.

Das Wien Museum hat 20015 den umfangreichen Fotonachlass Robert Haas erworben und widmete ihm vom 24. November 2016 bis 26. Februar 2017 die erste große Foto-Retrospektive weltweit. Gezeigt wurden zahlreiche noch nie ausgestellte und publizierte Vintage Prints. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in deutscher und englischer Sprache.

Publikation:

Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hg.): Robert Haas. Der Blick auf zwei Welten, Ausstellungskatalog Wien Museum, Berlin: Hatje Cantz, 2016

Anton Holzer: Künstler und Reporter. Die Wiener Jahre des Fotografen Robert Haas, in: Fotogeschichte, Heft 135, 2015.

 

 

Bilder als Nachrichten und Sensationen

Geschichte der Pressefotografie 1890-1938

Anton Holzer

FWF-Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien.

Förderung durch den Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung (FWF).
Beginn: Mai 2008, Abschluss: Juni 2012

 

Das Forschungsprojekt beschäftigte sich mit der Entwicklung der Pressefotografie und der illustrierten Presse in Österreich zwischen 1890 und 1938. Im Zentrum der Untersuchung stehen Fotografien und Bildreportagen, die in österreichischen Wochenzeitungen erschienen sind.

Im ersten Teil des des Projektes wurden Basisdaten zur österreichischen Pressefotografie und Bildpresse erhoben. Dazu gehören biografische Informationen zu einzelnen Fotografen, Fotoagenturen und Fotoredakteuren, aber auch eine genaue Erfassung der illustrierten Printmedien und ihrer Entwicklung. Der zweite Teil  untersuchte in Form von ausgewählten Bild-Text-Analysen die Struktur, die "Rhetorik" und die Entwicklungsgeschichte der populären Bildpresse zwischen 1890 und 1938. Der dritte Abschnitt ging am Beispiel der Drehscheibe Budapest - Prag - Wien - Berlin den frühen Tendenzen zur Internationalisierung der Pressefotografie und den kulturellen Austauschprozesse zwischen Österreich/Ungarn und Deutschland nach.

Doris Griesser: Bericht über das Forschungsprojekt in: Der Standard, 22.9.2010

Publikationen (Auswahl):

Publikation:

Anton Holzer: Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus, Darmstadt, Primus Verlag, 2014. Siehe: Bücher

Aufsätze, Artikel

Anton Holzer: Fotografisches Feuilleton. Der Sonntag - ein vergessenes Forum moderne österreichischer Reportagefotografie, in: Fotogeschichte, Heft 128, 2013.

Anton Holzer: Vorwärts! Die österreichische Arbeiterfotografie der Zwischenkriegszeit, in: Fotogeschichte, Heft 127, 2013.

Anton Holzer: Avantgarde und gemäßigte Moderne. Fotografische Aufbrüche in Österreich um 1930, in: Fotogeschichte, Heft 123, 2012 (Themenheft: Fotografie und Avantgarde)

Anton Holzer: Der zaghafte Aufbruch in die Moderne. Fotografie in Österreich 1900 bis 1938, in: Fotogeschichte, Heft 113, 2009.

Anton Holzer: Nachrichten und Sensationen. Pressefotografie in Deutschland und Österreich 1890 bis 1933. Ein Literaturüberblick, in: Fotogeschichte, Heft 107, 2008.

 

 

Hinrichtung C. Battistis, Trient, 12. Juli 1916

Das Lächeln der Henker

Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung.

Schaulust und Gewalt in der Kriegsfotografie

Anton Holzer

Beginn des Forschungsprojekts: 2005/06 während eins Research-Fellowships am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Wien

Fortsetzung und Abschluss: 2006/2007 im Zuge eines IFK-Auslandsstipendiums am ZfL Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin

Publikation:

Anton Holzer: Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918, Darmstadt, Primus Verlag, 2008 (2. Aufl. 2014).

Nominiert für den Preis

"Bestes Wissenschaftsbuch", ausgezeichnet mit dem Preis: "Die besten historischen Sachbücher" - 3. Platz

Das Forschungsprojekt beschäftigte sich mit  Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg. Im Mittelpunkt der Analyse standen Bilddokumente, die den Krieg gegen die Zivilbevölkerung in Ost- und Südosteuropa zeigen. Die bisher nicht oder kaum bekannten Fotografien - viele zeigen Hinrichtungen von Zivilisten - wurden von Soldaten und Offizieren aufgenommen, verwahrt und oft auch getauscht. Sie sind nach dem Krieg aus der Öffentlichkeit verschwunden. Im Zuge der Forschungen wurden derartige Bilder in zahlreichen Archiven Ost- und Südosteuropas, aber auch in Privatsammlungen ausfindig gamacht. Die ergänzenden Recherchen ergaben, dass diese in Bildern gezeigten Gewalttaten keineswegs nur auf die Exzesse Einzelner zurückzuführen war. Die Übergriffe waren systematisch geplant und offiziell angeordnet.

Das Projekt beschäftigte sich u.a. mit der Frage, wie und warum die moderne Kriegsführung, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hat, eine neue Feindgruppe hervorgebracht hat: die Zivilbevölkerung. Gegen diese "Feinde" wurden im Ersten Weltkrieg (teilweise) neue Formen der Gewalt erprobt: Zwangsdeportationen, Internierungen, Zwangsarbeit, Geiselnahmen und Geiselerschießungen und eben auch Massenhinrichtungen. Der Krieg gegen die Zivilbevölkerung ist also keine beiläufige Episode, kein Randphänomen, er bildet die Kehrseite des offiziellen Krieges.

Warum wurde an den Orten der Gewalt so exzessiv fotografiert? Wesshalb ließen sich die Soldaten, die den Hinrichtungen beiwohnten, immer wieder zusammen mit ihren Opfern ablichten? Um auf diese Fragen Antworten zu finden, war es zunächst notwendig, die kaum bekannten Hintergründe der Gewalttaten zu erhellen, zu klären, wer die Täter, wer die Opfer und wer die Zuschauer waren. Es war notwendig, den breiteren historischen und militärischen Kontext, in dem diese Ereignisse stehen, zu rekonstruieren.

Im zweiten Teil öffnete sich die Fragestellung des Projekts zeitlich und räumlich. Die untersuchten Bilder wurden mit anderen Kriegsbildern der Vergangenheit und Gegenwart in Verbindung gesetzt.  Es zeigt sich, dass die Verknüpfung von Schaulust und Gewalt eine Konstante in der Kriegsfotografie im 20. Jahrhundert darstellt. Gibt es, so lautete eine der zentralen Fragen, eine Linie, die, ausgehend von den historischen Bilddokumente der Gewalt aus dem vom Ersten Weltkrieg über den Zweiten Weltkrieg nach Abu Ghraib führt?

Weitere Literatur:

Anton Holzer: Der lange Schatten von Abu Ghraib. Schaulust und Gewalt in der Kriegsfotografie, in: Mittelweg 36, Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Heft 1, 2006.

Anton Holzer: Mit allen Mitteln. Der Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918, in: Die Presse/Spectrum, 19. September 2008

Anton Holzer: "Austrian Brutalities". Fotografische Erinnerungen an das Töten 1914-1918 und die Vergesslichkeit der Historiker, in: Recherche. Zeitung für Wissenschaft, Heft 2, 2009.


Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien

Bild und Propaganda

Kriegsfotografie im Ersten Weltkrieg

Anton Holzer

Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien.
Das Projekt und die abschließende Publiktion wurden vom vom österreichischen Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung (FWF) gefördert.
Laufzeit: März 2002 bis Mai 2005

Publikation:

Anton Holzer: Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg, Primus Verlag, Darmstadt, 3. Aufl. 2012.

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Fotobuchpreis

Das Forschungsprojekt hatte zum Ziel, einen umfangreichen, bisher wenig bekannten und noch nicht wissenschaftlich untersuchten Fotobestand aus dem Ersten Weltkrieg mit den Mitteln der Fotografiegeschichte zu analysieren. Die Sammlung von über 33.000 Kriegsfotografien (Original-Glasplattennegative und zeitgenössische Silbergelatineabzüge) wird im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek (Wien) aufbewahrt. Die Bilder wurden während des Krieges von offiziellen österreichischen und ungarischen Kriegsfotografen aufgenommen, vom k.u.k. Kriegspressequartier (KPQ) zusammengetragen und propagandistisch verwertet. 

Der praktisch vollständig erhaltene Bildbestand der k.u.k. Propagandaabteilung gehört  zweifellos zu den europaweit wichtigsten erhaltenen Originalbildquellen zur Geschichte des Ersten Weltkriegs, vor allem zu den Kriegsschauplätzen in Ost- und Südosteuropa. Die Aufnahmen stammen aus sämtlichen Kriegsgebieten der Monarchie, vom russischen, serbischen, montenegrinischen, albanischen, rumänischen, bulgarischen, italienischen und türkischen Kriegsschauplatz. Sie stellen zunächst einzigartige Quellen zur europäischen Kriegsgeschichte da. Entlang der Bilder lassen sich wichtige, bisher noch zuwenig beleuchtete Aspekte des Krieges im Osten und Südosten Europas rekonstruieren. Die Fotografen zeichneten nicht nur auf, was sie an der Front sahen, sondern auch, wass im Hinterland geschah. Die Fotos zeigen Episoden von Flucht und Vertreibung, sie zeigen den Umgang mit den Kriegsgefangenen, die Lage der Zivilbevölkerung in den eroberten Gebieten, aber auch die gewaltige Logistik und die  Technik des modernen Krieges.

Zum propagandistischen Einsatz kamen die Bilder nicht vor Ort, sondern in den Zentren der kriegführenden Staaten im Westen. Am Beispiel dieser Bilder lässt sich das komplexe Räderwerk des ersten modernen Medienkrieges veranschaulichen. In seinen Grundzügen wurde dieser Krieg in Wien ähnlich geführt wie in Berlin, Paris und London. Daher lassen sich, bei allen nationalen Besonderheiten, viele der Erkenntnisse zum Medienkrieg der k.u.k. Monarchie auch auf die anderen Kriegsparteien übertragen.

Die Bedeutung dieses Fotomaterials reicht aber über die reine Kriegsgeschichte hinaus: Die Bilder halten - oft unbeabsichtigt und gewissermaßen nebenbei - Ereignisse, Menschen, Orte und Gegenden in einer tiefgreifenen politischen und gesellschaftlichen Umbruchsituation fest. Bis vor dem Ersten Weltkrieg stand der Osten und Südosten Europas unter dem unmittelbaren oder mittelbaren Einfluss der europäischen Großmächte (Deutsches Reiche, Habsburger Monarchie, Osmanisches Reich, Russisches Reich). Nach dem Ende des Krieges traten eine ganze Reihe neuer Staaten an die Stelle der zerfallenen Monarchien. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die politische und gesellschaftliche Landkarte im Osten und Südosten Europas grundlegend geändert. Die Fotos aus der Kriegszeit halten also auch Szenen am Vorabend eines gewaltigen Zusammenbruchs fest. Sie sind Bilddokumente einer historischen Bruchstelle, aus der ein anderes als das alte Europa hervorgehen sollte.